S. Grigat zitiert in seinem Text in der neuesten Jungle World Ulrich Enderwitz so:
“Dabei kann die Ungeheuerlichkeit, dass eine bloß symbolische Aktion praktisch mit allgemeiner Duldung beziehungsweise Zustimmung in der Ermordung von Millionen Menschen resultiert … als Indiz dafür gelten, wie sehr das pathologisch handelnde Subjekt, das am Ersatzobjekt seinen Widerspruch abreagierende faschistische Staatskonstrukt, dem Dafürhalten und Wollen der einzelnen entzogen ist, wie sehr es sich zu einem ohne Rückbezug auf die empirischen Staatsbürger, ohne Rückkoppelung an individuele Urteils- und Meinungsbildungsprozesse prozedierenden und nur mehr seiner eigenen Irrenlogik verpflichteten Herrschaftsautomaten verselbständigt hat.”
er geht auf den schwerlich zuzustimmenden begriff der irrenlogik ein, lässt aber mein augenmerk der phatologisierung unbeachtet.
C. Uhrheimer schreibt im Cee Ieh #144 über den autoritären Charakter:
“Die ich-schwache Struktur des Autoritären ist der eines psychisch Kranken grundsätzlich ähnlich.”
im weiteren aber:
“Dennoch kann man antisemitische Denk- und Verhaltensweisen nicht pathologisieren[…] Auch wenn paranoide Wahnvorstellungen durchaus Elemente des Antisemitismus sind, würden durch eine völlige Pathologisierung der Antisemiten und Autoritären diese von der Verantwortung für ihr eigenes Tun entbunden werden.”
und:
“Vielmehr kennzeichnen den Antisemiten „pathische Projektionen“, da auf diese nicht reflektiert werden kann. Krankhaft ist dies jedoch nicht unbedingt.”
verstehend:
“Gerade aufgrund der tiefen gesellschaftlichen Verankerung des Antisemitismus und der für alle Menschen geltenden Notwendigkeit, sich der verhärteten Gesellschaft einzupassen, ist Ich-Schwäche eher als „normal“ denn als „krankhaft“ zu betrachten.”
zur annäherung möchte ich gerne eine definition von wissen.de loswerden:
“Krank|heit [f. 10] 1 Störung der normalen körperlichen und/oder seelischen Funktionen”
und meine frage stellen:
ich stimme Uhrheimer absolut zu wenn er sagt dass eine pathologisierung antisemit_Innen von ihrer verantwortung entheben würde und deshalb antisemitismus weniger dem terminus ‘krankheit’ entspricht.
wenn er dann aber im folgenden in seiner psychoanalytischen herleitung über die ich-schwäche der menschen spricht und diese normalisiert oder auch nicht, dann bin ich wieder uneins. meine wissens hat sich auch die psychoanalyse einer gewissen ‘therapie’ verschrieben und damit muss es wohl ein gewisses problemchen geben welches gerne weg sollte?!
mein problem mit ‘pathologisch handelnden subjekten’ ist daher so gross weil ich den begriff ‘krankheit’ gerne in frage stellen würde.
das heisst die “normalen seelischen/körperlichen funktionen” ist das woran ich mich störe. und sich dann Freud oder sonst wen um die ohren zu werfen dürfte me erst zweitens sein.
das antisemitismus nicht mit forensischer psychatrie zu beantworten ist müsste übrigens auch allen klar sein, sicherlich auch Grigat(selsbtredend beschäftigt er sich in seinem text nicht mit meiner frage).
aber was ist in dieser ‘wertakkumulierenden gesellschaft’ denn ‘normal’?
wenn ich dazu mit Adorno, der von beiden genannten so geliebt ist, sprechen darf:
“Es gibt kein richtiges Leben im falschen.”
und von daher:
wo kommt denn eigentlich diese ‘krankheit’ her?