“Dogmatisch zu sein ist in Ordnung” heisst der Titel eines Artikels in der heutigen taz. Wenn es sich dabei auch um eine Bestandsaufnahme zu heutigem Feminismus handelt ist das auch echt ein cooler Titel. HILAL SEZGIN steigt auch ganz ok ins Thema ein:
Doch gab es in diesem Werk zwei Stellen, die mich bis heute beschäftigen. Wenn ein Außerirdischer unsere Erde besuchte, so de Beauvoirs erste Bemerkung, würde er allein an Kleidung oder Gang sofort merken, dass es zwei Sorten von Menschen gibt: Männer und Frauen. An anderer Stelle schrieb sie ungefähr, dass Frauen die einzige unterdrückte Klasse seien, deren Angehörige mit ihren Unterdrückern freiwillig ins Bett gehen.
Die Beobachtung des fiktiven Marsianers stimmt bis heute, und sogar, das ist das Verblüffendste, in den Seminaren der Universitäten, in denen Judith Butlers “Unbehagen der Geschlechter” das “Andere Geschlecht” als Bibel abgelöst hat. Butler wird gemeinhin als Kronzeugin für die These aufgerufen, dass es keine zwei unverrückbaren biologischen Geschlechter gebe und eine bestimmte politische Praxis darin bestehen könnte, eine größere Bandbreite von Geschlechtlichkeit lebbar und sichtbar zu machen.
Sie meint auch das
Zweigeschlechtlichkeit […] ein konstitutives Dogma auch der postmodernen westlichen Welt
sei. Und damit erkennt sie wohl dass sich seit De Beauvoir nicht soviel verändert habe.
Und weiter: Denn,
dass das Private politisch ist, dass also das Politische des Geschlechterverhältnisses nicht irgendwo an Wahlurnen oder in Vereinen stattfindet; sondern dass es noch unsere alltäglichen, privaten und sogar intimsten Handlungen bestimmt.
Genau dann kommt leider auch der relativierende Cut:
Die entscheidende Frage ist aber, ob man den Satz auch umdrehen kann: Muss, weil das Private vom Politischen heimgesucht wird, die politische Veränderung vom Privaten ausgehen? Zum Teil: Ja. Und sind wir auch politisch-moralisch verpflichtet, in jeder unserer privaten Handlungen politische Veränderung anzustoßen? Wohl eher: Nein.
Der haarfeine Unterschied zwischen diesen beiden Fragen stellt wenn nicht die, dann eine entscheidende Schwelle dar, über die der klassische Feminismus schließlich gestolpert ist. Man will sich eben nicht, wenn man sich gerade auf einer Demo sonst was abgefroren hat, Vorhaltungen machen lassen, von wem und wie man sich zu Hause wieder aufwärmen lässt
Klar klingt das alles sehr verständlich aber auch irgendwie etwas fern der Realität. Denn weder wird die Leser_Innenschaft der taz so feministisch sein das ihr die Wärme nach der Demo ausgehen könnten (welche Demos für Feminismus eigentlich, heutzutage?) noch wäre das der springende Punkt des privaten welches politisch werden soll.
Schade: Denn damit beginnt sie auch endgültig herumzustottern und irgendwie den Titel ihres Artikels weiter zu entschärfen:
Zwei harmlose Beispiele für diejenigen, denen nebulös ist, wovon ich rede: Anfang der 90er besaß ich ein enges rotes Kleid, das die Genossinnen, ohne jede Bösartigkeit, als “sexistisches Kleid” bespöttelten. Und recht hatten sie: Denn es ist wirklich der weibliche Körper, der sich, frei nach Luce Irigaray, dem (imaginären) männlichen Blicke andient und zum Anschauen und Anfassen preisgibt. Das ist aber nun mal genau die Sorte Anerkennung, auf die wir real existierenden Heteras bisweilen aus sind!
Traurig nur das ein solch inhaltlicher Artikel zu Feminismus sich so dermaßen zum Anti-Dogmatischen umdreht dass es peinlich wird.
Ist nicht genau diese Ironisierung ein Problem von Linken oder Menschen mit einem liberalen Anspruch?! Wenn sie ihre heterosexuellen Matrizen leben und dabei kein Wort vom Feminismus hören wollen, weil es eben gerade im Moment nicht passt?!
Das Monique Wittig aus verschiedenen Gründen umstritten ist ja nix neues, aber es geht bei ihr sehr wohl um Probleme der Gesellschaft, die jeglichem Feminismus verunmöglichen zum Beispiel wenn
sich niemand darüber [wundert], dass es in jedem Schuhgeschäft eine Männer- und eine Frauenabteilung gibt